Sozialarbeit mit Kindern in Mexiko

" Der Aufenthalt hat mir viele neue Freundschaften geschenkt"

  • Freiwilligenarbeit
  • Mexiko
  • 22 Wochen

Erfahrungsbericht von (19 Jahre)

20.02.2016

Ich muss sagen, dass ich mir Mexiko wirklich fast genauso vorgestellt habe, wie es tätsächlich ist.Bei der Arbeit hingegen habe ich gar keine Erwartungen gehabt, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass es mit Deutschland vergleichbar wäre. Das meine ich nicht im negativen Sinne, sondern ganz einfach, weil das Leben und die Kultur in Mexiko komplett gegensätzlich zur Deutschen sind. Ich wollte mich einfach überraschen lassen, jedoch dachte ich nicht, dass mir so viel zugetraut wird und ich wirklich viel Eigeninitiative ergreifen muss, was aber umso mehr Spaß gemacht hat.

In meinem Projekt waren alle, Mitarbeiter, Chef und auch die Kinder mit ihren Eltern, super aufgeschlossen.
Ich habe mich jeden Tag gefreut meine Kids zu besuchen, die immer schon auf mich an der Tür gewartet haben. Ich wurde, wie eine Maestra behandelt und durfte alle Tätigkeiten ohne Ausnahmen ausführen. Auch die Mitarbeiterinnen, die nur wenige Jahre älter als ich waren, haben mich sofort wie eine Freundin behandelt und auf Facebook geaddet. Die Eltern haben mich beim Einkaufen gegrüßt. Und es gab keine Probleme, wenn ich einen Ausflug machen wollte. Ganz im Gegenteil, mein Chef hat sich immer gefreut, wenn ich mir Mexiko anschauen wollte und noch Reisetipps gegeben.

Morgens um 9.30 Uhr habe ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle (also eigentlich nur eine Straßenecke) gemacht und habe dort unbestimmte Zeit auf den Bus gewartet. Es gab keinen Fahrplan, man hat einfach gewartet bis einer kam. Mein Kindergarten lag außerhalb von Puerto, deshalb war ich immer die einzige Ausländerin und alle haben verwundert geguckt und auch manchmal gefragt, ob ich sicher bin, dass ich im richtigen Bus sitze und was ich denn in der Colonia Aeropuerto wolle. Meine Fahrt dauerte 30 Minuten, aber das war es wert, wenn ich dann nach 5 Minuten zusätzlichen Fußweg ankam.
Von 10 bis 11 Uhr habe ich zusammen mit meiner Maestra und den 2 jährigen Kindern gespielt und jeden Tag entweder gebastelt oder in Arbeitsheften gemalt. Oft musste ich den Kindern ein Ausmalbild in ihr Heft zeichnen oder selbst ein Poster entwerfen. Um 11 Uhr gab es Colacion. Das ist ein kleiner Gemüsesnack der in der Küche serviert wurde. Danach war noch einmal bis 12:45 Uhr Beschäftigung oder Freizeit zum Spielen und ich musste jedes Kind neu frisieren. Anschließend gab es Mittag. Meist habe ich die Kinder zum Essen gebracht und ihnen die Schüsseln und das Trinken serviert. Ich durfte auch jeden Tag das Essen kosten, da es frisch dort gekocht wurde.
Danach musste ich die Kinder Waschen, mit ihnen Zähne putzen und sie umziehen und ölen. Dann hab ich ihnen noch ihre Flasche gegeben und sie haben Mittagsschlaf gemacht. Wenn dies alles erledigt war, durfte ich heim. Das heißt ich habe wieder unbestimmte Zeit auf meinen Bus gewartet und bin im Mittagsverkehr um 13:45 Uhr nach hause, was manchmal ziemlich abenteuerlich war.

Ich habe gelernt sehr Selbstständig zu sein und habe sehr viel Mut gesammelt. Außerdem habe ich gelernt mich durchzubeißen. An meinem ersten Arbeitstag konnte ich so gut, wie kein Spanisch, eben das, was man in 4 Wochen Sprachkurs lernen kann. Und niemand in meinem Kindergarten konnte Englisch. Das war echt hart, aber ich wurde mit der Zeit besser, weil ich wirklich versucht habe, mich mit den Mitarbeiterinnen zu unterhalten. Eigentlich habe ich dort jetzt ganz gutes Spanisch gelernt.
Ich bin außerdem ruhiger, geduldiger und verantwortungsbewusster geworden. Ich würde sagen, dass ein Teil von mir Mexikaner geworden ist. Ich habe die Kultur und das mexikanische Leben so gut, es geht versucht anzunehmen. Ich habe viele traditionelle Veranstaltungen besucht und versucht viel Zeit mit Einheimischen zu verbringen. Ich bin mit einer Freundin zum Tag der Toten nach Oaxaca gefahren und mit einer mexikanischen Familie einen Altar gebaut und den Friedhof besucht. Sowieso habe ich mich auch mit vielen Einheimischen unterhalten, um die Kultur besser zu verstehen. Auch gerade in meinen 2 Reisewochen habe ich viele Menschen kennengelernt, die mir von der Geschichte Mexikos erzählten oder auch allein in meinem Kindergarten habe ich mit meiner Maestra oft über Unterschiede zwischen Mexiko und Deutschland unterhalten.
Ich liebe die mexikanische Kultur und wünschte unsere Deutsche wäre nur ein klitzekleines bisschen so sonnig, wie die Mexikanische. Es wird einfach viel mehr gefeiert und alles nicht so ernst genommen und dadurch sind die Menschen viel glücklicher und fröhlicher. Deshalb fiel es mir so schwer mich wieder in den deutschen Alltag einzuleben.

In meiner Freizeit habe ich jede Minute mit meinen Freunden, also ebenfalls Teilnehmer und Einheimische in meinem Alter, verbracht. Tagsüber waren wir meist am Strand, surfen, die Stadt erkunden, bummeln und haben JEDEN Abend den Sonnenuntergang geschaut. Danach haben wir entweder gekocht oder sind auch mal Essen gegangen. Wir saßen immer sehr lange abends zusammen oder sind ausgegangen. Es gab einen Strandclub, in den alle gegangen sind, wenn sie nichts zu tun hatten, das heißt man hat dort immer Freunde getroffen, ob zum feiern oder einfach nur zum quatschen. Manchmal haben wir auch einfach abends auf der Terrasse gesessen und Spiele gespielt oder erzählt oder uns zum Filmschauen getroffen
. Man konnte auch für 3 Euro ins Kino gehen. Am Wochenende haben wir meist in großen Gruppen Ausflüge unternommen und haben nahe liegende Städte oder Lagunen besucht. Häufig wurden wir von Einheimischen gefragt, ob wir mit zu einem einsamen Strand wollen oder zu Wasserfällen oder Lagunen. Dort wäre man mit geführten Touren nie hingekommen.
Man hat definitiv immer genug zu erkunden und zu tun gehabt und allein war man definitiv nie, egal ob man vorher schon jemanden kannte oder nicht, dort sind alle Menschen herzlich, offen und niemand wird ausgegrenzt.

Das schönste Erlebnis war eine ziemlich spontane Entscheidung. Unsere Surferfreunde, mit denen wir jeden Tag etwas unternommen haben, sind an einem Dienstag nach Acapulco gefahren, um dort an einem Surfcontest teilzunehmen. Als ich dann mit meinen Mädels am Mittwoch im Cafe saß, haben wir darüber geredet, wie lustig es wäre die Jungs zu überraschen und auch nach Acapulco zu fahren, um sie zu unterstützen.
Wir haben uns das alles zum Spaß ausgemalt und auf einaml saßen wir am Donnerstag im Bus Richtung Acapulco Die Jungs haben sich riesig gefreut und die Fotografen haben uns wie Promis behandelt. Alle 10 Minuten kam jemand und wollte Fotos machen oder uns Filmen.
Das lag daran, dass wir beim Contest die einzigen ausländischen Touris waren. Die Sponsorleute von den Jungs kamen dann auf die Idee, dass wir doch mit zum Ausflug kommen könnten. Plötzlich saßen wir also in einem privaten Van und sind durch die Stadt gefahren, haben uns die Felsen der berühmten Klippenspringer angesehen und waren in einer Surfausstellung.
Das Festival ging bis Sonntag. Es gab Konzerte, Poolpartys, Graffitivorführungen und vieles mehr. Am letzten Abend fand dann noch die VIP-Abschlussveranstaltung in einem sehr teuren Club an einem Berghang mit einer Glasfassade, durch die man die Skyline Acapulcos sehen konnte namens Palladium statt. Auch dort haben wir freien Eintritt und Getränke bekommen und wurden sogar in einem Suburban von einem Fahrer nach hause gebracht. Dieses Wochenende werde ich niemals vergessen. Es war das beste Wochenende in meinen 6 Monaten und dann durfte ich dieses noch mit meinen besten Freunden in Mexiko teilen.

Mir hat besonders gut gefallen, dass man super gut auf den Aufenthalt vorbereitet wurde, insbesondere auch die Mitreisendenliste, so hab ich meine Mitbewohnerin schon vorher kennengelernt oder konnte Leute in Mexiko noch Dinge fragen. Auch die Freundlichkeit, wenn ich angerufen habe und 100 Fragen zu klären hatte, waren die Mitarbeiter immer freundlich und gut gelaunt. Besonders gut hat mir der ständige Kontakt zu den anderen Teilnehmern gefallen und dass man sich nie allein gefühlt hat. Auch dass man in der Sprachschule fast immer einen Ansprechpartner hatte, der sich versucht hat, um noch so kleine Probleme zu kümmern oder dass man an diesem Ort immer Leute treffen konnte.
Ich habe nichts vermisst, es ging mir so gut, dass ich nicht an einem Tag gedacht habe "Es wäre besser jetzt zu Hause zu sein.". Ich hatte einfach die beste Zeit meines Lebens und mir geht es eher jetzt zurück in Deutschland so, dass ich viele Dinge aus Mexiko unheimlich vermisse, vor allem das WG-Leben mit den Teilnehmern und das Gefühl, nie allein zu sein.

Fazit
Es war definitiv die beste Entscheidung, die ich nach meiner abgeschlossenen Schulzeit hätte treffen können. Und es war bis jetzt auch die beste Zeit meines Lebens. Der Aufenthalt hat mir viele neue Freundschaften geschenkt, bei denen ich mir sicher bin, dass sie sogar ein Leben lang halten können. Außerdem hat mich die Zeit gelehrt die einfachen Dinge des Lebens schätzen zu lernen und dass man nicht viel braucht um wirklich glücklich zu sein. Ich gehe jetzt viel entspannter mit Problemen um und bin nicht mehr so gestresst wie vorher, was glaube ich ein guter Start für das anschließende Studium ist.

Tipps
Man sollte keine Angst haben allein loszureisen oder Angst davor keine Freunde zu finden. Wir denken als Deutsche immer viel zu viel nach und versuchen immer alles von vorn bis hinten ganz genau zu planen, dabei läuft es eh immer anders, als man denkt und man muss viel öfter einfach mal machen, statt drüber nachzudenken. Und ich kann künftigen Teilnehmern nur empfehlen in eine Gastfamilie zu ziehen oder ein Doppelzimmer zu buchen, man lernt viel schneller nette Leute kennen und auf Reisen sind fast alle Menschen freundlich und offenherzig, auch wenn der erste Eindruck manchmal ein anderer ist.

Erfahre mehr über das Projekt, das Jessica Babelkuhl so begeistert hat: Sozialarbeit mit Kindern in Mexiko