Physiotherapie in Guatemala

"Ich würde alles noch einmal genauso machen! Es war eine super Erfahrung"

  • Freiwilligenarbeit
  • Guatemala
  • 10 Wochen

Erfahrungsbericht von

2010-03-06

Jasmin schrieb:

"Vor meiner Abreise nach Guatemala hatte ich drei große Ziele: erstens Spanisch zu lernen, zweitens meinen Beruf auszuüben und etwas Sinnvolles und Gutes zu machen und drittens, ein fremdes Land kennenlernen und ein bisschen herumzureisen...

Und diese Ziele habe ich tatsächlich erfüllen können!

Bevor ich meine Reise nach Guatemala angetreten habe, habe ich mich ehrlich gesagt nicht gewagt große Erwartungen zu haben. Angesichts der völlig anderen Kultur, des unterschiedlichen finanziellen Standards und auch anderen Lebenseinstellungen sagte ich mir, dass es besser ist einfach mal zu gehen und zu sehen was mich erwartet. Und ich denke nun im Nachhinein, das war genau die richtige Einstellung!

Ich denke, aus dem Grund, dass ich versucht habe ohne große Erwartungen in dieses fremde und ferne Land zu reisen wurde diese Reise für mich zu einem unvergesslichen Abendteuer mit so vielen tollen Erfahrungen und neuen Freundschaften, wie ich es mir vorher kaum hätte denken können.

Während der 10 Wochen habe ich bei einer jungen Familie mit zwei Kindern gelebt. Ich bin mir nicht sicher, ob es bei allen Familien so gewesen ist, aber ich weiß, dass ich wirklich Glück hatte mir meiner Familie!

Ich lebte zeitweise mit bis zu 4 anderen Studenten in sehr einfachen aber immer sehr sauberen und gut gepflegten Zimmern. Jeder hatte sein eigenes Zimmer, eingerichtet mit dem nötigsten.

3 Mal täglich (außer am Sonntag) wurde uns eine Mahlzeit zubereitet. Und unsere Mutter war wirklich eine super gute Köchin! Kaum gab es dasselbe es sei denn ein Menü war so lecker, dass wir darum baten, dieses noch ein zweites Mal genießen zu dürfen! Und bei jeder Mahlzeit war mindestens ein Familiemitglied anwesend. Manchmal saß sogar die ganze Familie am Tisch und wir haben noch lange nach dem Essen zusammen geplaudert. So konnten wir auch super unser Spanisch verbessern und praktizieren!

Ich habe die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit mit der die Familie zu uns geschaut hat, wirklich sehr geschätzt und auch bewundert! Ich denke, es ist nicht einfach, das ganze Jahr, pausenlos bis zu 5 andere Hausbewohner neben der eigenen Familie zu betreuen und zu versorgen. Vor allem, denke ich, kommt die eigene familiäre Privatsphäre da oft etwas zu kurz. Aber wie gesagt ich habe mich die ganze Zeit super gut und wohl und wirklich wie zu Hause gefühlt bei meiner Gastfamilie!

Während der ersten 4 Wochen besuchte ich die Spanischsprachschule. Der Einzelunterricht mit 4 Stunden täglich war ein riesiger Vorteil. Jeder Lehrer konnte genau auf die eigenen individuellen Bedürfnisse und Standards von uns Schülern eingehen. Und was mir sehr gefallen hat: Ich habe vor allem Konversation geführt! Und das war für mich das Wichtigste! Mein Ziel war es am Ende der 4 Wochen mich auszudrücken und andere verstehen zu können auch wenn ich selber noch viele Fehler machen würde. Aber dieses Ziel habe ich schlussendlich erreicht! Danke noch einmal meiner tollen Lehrerin!

An den Nachmittagen oder auch an den Wochenenden hat die Schule auch diverse Ausflüge und Aktivitäten angeboten. Ich war froh zumindest zu Beginn davon profitiert zu haben! Obwohl es teilweise etwas günstiger gekommen wäre, die Ausflüge auf eigene Faust in der Stadt zu buchen hatte man den Vorteil, dass von der Schule wirklich alles super gut und sicher organisiert war. Und ein anderer großer Vorteil war, dass man während der Schulausflügen die anderen Schüler besser kennengelernt hat! Ich habe während der ersten beiden Wochen einige ganz gute Freunde und sehr liebe Menschen kennengelernt mit denen ich noch jetzt guten Kontakt pflege und das auch in Zukunft beibehalten werde!

Die 6 darauffolgenden Wochen arbeitete ich dann als Physiotherapeutin in einem Behindertenheim. Auch da versuchte ich möglichst ohne große Erwartungen oder Vergleiche zu der Arbeit wie ich sie von meiner Ausbildung in der Schweiz her gewohnt war, zu starten. Und ich war auch da sehr positiv überrascht!

Mit dem Chickenbus (der ganz in der Nähe meines zu Hauses vorbeifuhr) fuhr ich jeden Morgen von Montag bis Freitag kurz vor 8.00 zum Heim. Um 8.30 wurden die ersten Kinder von den Niñeras zur Therapie gebracht und später auch wieder abgeholt.  Zusammen mit mir hat gleichzeitig eine andere Volontärin aus Deutschland gestartet. Wir arbeiteten in einem Team von 3 diplomierten Therapeutinnen und 2 Physiotherapiestudentinnen die noch in Ausbildung waren. Zusammenarbeit war sehr wichtig und wir halfen uns gegenseitig dabei, die Kinder von den Rollstühlen auf die Matten oder auf die Liegen zu heben oder passten kurz auf sie auf, wenn der andere etwas holen oder vorbereiten musste.

Jeder von uns behandelte pro Tag 5 Kinder zu jeweils 35-45 Minuten. Nach jeder Behandlung wurden Liegen und Material geputzt und am Ende des Morgens wurde aufgeräumt. Um ca 12.15 konnten wir pünktlich zum Mittagessen nach Hause kehren. Der Nachmittag war frei.

Anfangs dachte ich, ich könnte gut und gerne auch mehr arbeiten. Ich merkte aber bald, dass die Arbeit körperlich und auch mental anstrengender war als ich es gewohnt war und war schließlich froh den Nachmittag zur freien Verfügung zu haben.

Die Schwerpunkte der Behandlungen lagen hauptsächlich in der Atemtherapie, der Kontrakturenprophylaxe und der Behandlung von offenen Hautstellen. Viele der Kinder hatten bereits schwere Kontrakturen und Fehlstellungen. Ziel der Behandlung war daher in erster Linie die Erhaltung der vorhandenen Lebensqualität, des vorhandenen Bewegungsausmasses oder der verbleibenden Muskelkraft. Allerdings gab es auch einige Kinder, die einfach aktive Bewegungsaufträge oder Übungen ausführen konnten. Ganz wenige konnten sogar laufen.

Nach jeder Therapie wurde aufgeschrieben, was genau gemacht und mit welchen Methoden therapiert wurde. Wichtig war auch spezielle oder ungewohnte Beobachtungen oder Reaktionen der Kinder festzuhalten und diese mit den zuständigen Niñeras zu besprechen.

Es war immer und jederzeit möglich bei den anderen Therapeutinnen, die die Kinder schon länger kannten nachzufragen. Wovon wir am Anfang auch rege Gebrauch machten! Eine richtige Befunderhebung wurde nicht gemacht...aber mit der Zeit kannte man die Kinder, wusste wo der Therapieschwerpunkt zu setzen war oder womit man den einzelnen Kindern am besten helfen konnte.

Es war schön zu wissen, dass unsere Arbeit geschätzt und geachtet wurde. Die Tatsache, dass wir unsere eigenen Patienten behandeln konnten und dass wir bei Problemen oder Fragen, die auftauchten um Rat oder Meinungen unsererseits gefragt wurden, zeigte, dass uns auch ein großes Vertrauen und viel Respekt entgegengebracht wurde! Das Arbeitsklima und die Zusammenarbeit im Team hat mir sehr gut gefallen! Und auch die Kinder wurden sehr gut behandelt, die Physiotherapie war gut eingerichtet.

Für mich war die Arbeit mit behinderten Kindern eine ganz neue Erfahrung, die ich zuvor noch nie gemacht hatte. Oft waren es Kinder, die von ihrer Familie ausgesetzt oder verstoßen wurden und die im Heim ein neues Zuhause und eine neue Familie gefunden hatten. Ich hatte wirklich den Eindruck, dass gut für diese Kinder gesorgt wurde. Auch die Physiotherapie bedeutete für die meisten Kindern nicht nur Arbeit und Behandlung, sondern  auch Spaß, Spiel, Freude, Abwechslung zum Alltag und Lachen!

Auch in diesem Sinn für mich eine sehr schöne Arbeitserfahrung. Zu wissen, dass man diesen Kindern mit seiner Arbeit im zweifachen Sinn (körperlich und aber auch psychisch) ein wenig helfen und sie unterstützen konnte ist ein gutes Gefühl. Einige Kinder blieben sogar nach ihrer Behandlung den ganzen Morgen im Therapiesaal um den anderen Kindern bei ihrer Therapie zuzuschauen. Obwohl die meisten der Kinder sich nicht sprachlich ausdrücken oder verstehen konnten, merkte man, dass sie die Aufmerksamkeit und die Behandlungen in der Therapie zu schätzen wussten.

Wie bereits erwähnt: Das Leben bei meiner Familie war großartig und die Leute waren ausgesprochen gastfreundlich! Was leider nicht immer ganz so geklappt hat ist die Zuverlässigkeit mit zeitlichen Verabredungen. Aber schlimm war‘s nun auch wieder nicht und evtl. bin ich da als Schweizerin auch eine ziemlich strenge Bewerterin:-)

Die Leute sind aber immer ausgesprochen freundlich, man hilft sich gegenseitig. Fast jeder grüßt sich auf der Straße ob bekannt oder nicht, wenn der Motor an einem Auto versagt wird gemeinsam geschoben, wenn der Sack mit Orangen reißt wird beim Einsammeln geholfen, wenn jemand den Weg nicht kennt wird erklärt selbst wenn man selbst eigentlich nicht genau weiß wo es ist (kann auch ein Nachteil sein ist aber immer lieb gemeint...einfach vorsichtig deshalb).

Und auf dem Markt oder im Einkaufshaus kannst du gut und gerne mal mit wildfremden Händlern ein 15-minütiges Gespräch (natürlich auf Spanisch!!!) führen, selbst wenn du nichts einkaufst! Die Leute scheinen interessiert und sie äußern sich immer sehr dankbar wenn sie erfahren, dass man Volontärarbeit leistet.

Vor allem am Anfang habe ich praktisch alle Ausflüge und Aktivitäten der Schule mitgemacht, weil da auch alle anderen Schüler und neu gewonnenen Freunde dabei waren und man Stadt und Leute so in einem "geschützten" Rahmen am besten kennengelernt hatte. Als ich/ wir uns dann ein wenig besser zurechtfanden haben wir auch öfters Ausflüge weiter weg oder mit anderen Agenturen und Reisebüros unternommen. Es gibt zig schöne Orte und etwas für jeden Geschmack. Seien es harte aber lohnenswerte Vulkanaufstiege, bunte und lebensfrohe Märkte, der Besuch verschiedener kleiner Städte um den Atitlansee, erfrischende Bäder in den herrlich türkisblauen Naturbecken von Semuc Champey, Schwimmen mit Kerzen in den Wasserhöhlen oder beeindruckende Aussichten über den ganzen Dschungel von den Pyramiden in Tikal, es war alles ganz einzigartig. Auch in Antigua selber wird es einem bestimmt nie langweilig... auch wenn Antigua von einigen als Disneyland Guatemalas (nicht ganz zu unrecht) bezeichnet wird, es ist zu jeder Zeit was los, ob auf dem Markt, abends in den vielen Bars oder Restaurants oder im Zentralpark: immer spielt irgendwo eine Musikgruppe oder es sind interessante einheimische oder ausländische Leute anzutreffen!

Und ganz ehrlich, ich habe ohne zu übertreiben einige der liebsten Menschen in meinem Leben da kenengelernt!

Das Ganze mit allem drum und dran (Menschen, Land, Kultur) hat diese Reise einmalig und unvergesslich für mich gemacht, sodass ich jetzt nicht sagen kann, was der allerschönste Moment war.

Die Vorbereitung vom Praktikaweltenteam war spitze! Ich bin eher eine Person die bei so Sachen sehr unsicher ist. Was ich nicht kenne und noch nie gemacht habe ist mir zuvor oft nicht so geheuer! Aber dank vielen E-mails hin und her und einem Telefon waren schlussendlich sämtliche Unklarheiten oder Unsicherheiten meinerseits geklärt und ich konnte unbeschwert losreisen. Wirklich toll großes Kompliment und herzlichen Dank noch einmal!

Auch das kleine Reise 1x1 fand ich super! Es enthielt die allerwichtigsten Landesinformationen und nützliche Tipps von ehemaligen Teilnehmern.

Auch das Team vor Ort war immer sehr freundlich.

Sehr gut organisiert waren die Aktivitäten an den Nachmittagen! Da war immer jemand von der Schule mit dabei und wir hatten auch viel Spaß zusammen! Auch über das Shuttleangebot vom Flughafen nach Antigua und zurück bei der Abreise war ich sehr froh!

Mein Fazit ist durchaus positiv! Ich würde alles noch einmal genauso machen! Es war eine super Erfahrung für mich und ich bereue echt gar nichts! Viele tolle Eindrücke, viele Erinnerungen und vor allem viele neue Freundschaften sind das Resultat meiner Reise! Und auch meine drei Ziele: Spanisch lernen, etwas Sinnvolles und Positives in einem anderen Land leisten können und dabei eine andere Kultur und ein anderes Land kennen lernen habe ich erreicht!

Ich würde jedem empfehlen mit möglichst wenig Erwartungen oder voreingenommenen Ideen zu reisen und besser einfach zu schauen was auf einem zukommt! Offen sein für völlig neue und evtl. auch ungewohnte Erfahrungen, denke ich, ist das Wichtigste. Dann ist das Resultat in jedem Fall positiv!

Dennoch denke ich, ist es wichtig vor allem am Anfang bezüglich Sicherheit immer besser zu vorsichtig zu sein!

Und... noch etwas ganz anderes für die Mädels, zwar was Kleines aber für einige von uns sicher noch sehr sinnvoll zu wissen: Tampons besser von zu Hause mitbringen. Das kennt man da noch nicht so."

Erfahre mehr über das Projekt, das Jasmin C. so begeistert hat: Physiotherapie in Guatemala