Humanmedizin in Argentinien

"Mein schönster Moment war die Reit-Tour durch die Berge "

  • Freiwilligenarbeit
  • Argentinien
  • 20 Wochen

Erfahrungsbericht von (18 Jahre)

19.09.2012

Sophie schrieb:

 "Tango, Militärdiktatur, Fußball und gutes Fleisch, das war eigentlich so ziemlich alles was ich über das Land wusste. Schon lange Zeit war es mein Traum, nach Argentinien zu reisen, da mir so viel vorgeschwärmt worden war, von diesem Land und seinen Bewohnern. Das Projekt im Krankenhaus hatte ich mir allerdings sehr anders vorgestellt als es letztendlich war. Wie man es aus Deutschland kennt wenn man ein Pflegepraktikum absolviert, wird man nicht unbedingt mit den freundlichsten Blicken von Kollegen und der besten Arbeit beglückt. Demnach kam ich mit genau diesen Erwartungen und Ängsten auch in das Krankenhaus in Cordoba, wo ich schließlich nur begeistert war. Ganz zu schweigen von Argentinien und den Argentiniern selbst!

Das Krankenhaus in Cordoba ist verhältnismäßig ein sehr großes Krankenhaus, demnach hatte ich viele Möglichkeiten, spannende medizinische Fälle im OP oder im Zimmer der Patienten mit zu behandeln. Die ersten Tage waren sicherlich nicht einfach, denn man hatte keine Bezugsperson, an die man sich permanent dranhängen konnte, da alle Angestellten dauerhaft beschäftigt waren. Eigeninitiative und Selbstständigkeit waren hier also sehr gefragt! Doch je öfter ich vormittags meine fünf Stunden mit den Ärzten, Krankenpflegern und Putzfrauen verbachte, desto besser gefiel mir die Atmosphäre und desto leichter fiel mir die Sprache. Ich muss schon sagen, dass mich die Arbeit im Projekt bezüglich meiner Sprachkenntnisse am besten weitergebracht hat. Auf jeden Fall wurde ich immer vertrauter mit den Ärzten. Niemals hätte ich mir erträumen lassen, dass ich in einem argentinischen Krankenhaus so viele Operationen live miterleben darf. Manchmal durfte ich sogar assistieren und mit kleinen Dingen helfen, wie z.B. Licht anmachen, Jod auf Verband gießen, Patienten umlegen usw.. Mit den Pflegern habe ich hauptsächlich viel geredet sowie auch mit vielen Patienten, die erstaunlicherweise alle sehr neugierig waren und sich gerne lange mit mir unterhielten. Ein wenig erschreckend waren allerdings die hygienischen Umstände, aber es war eine neue Erfahrung wert. So wie manche Patienten-Probleme in Argentinien gelöst werden, würde man in deutschen Krankenhäusern bestraft werden. Dies hatte ich allerdings auch schon erwartet. Überraschenderweise durfte ich sogar jeden Morgen Frühstücken gehen und auf die Visite mitkommen. Mir wurde von den Kardiologen vieles versucht zu erklären, obwohl ich anfangs kaum was verstand. Alles in allem war die Zeit im Krankenhaus ein unglaublich tolles Erlebnis.

Nachdem ich einen Monat Sprachkurs hinter mich gebracht hatte, fing mein Projekt im Krankenhaus an. Ich musste jeden Tag von 9 Uhr morgens bis 14 Uhr im Krankenhaus erscheinen, doch da die Personal-Chefin und der Direktor sich nie blicken ließen und auch sonst keine Person kontrollierte wann und ob ich ging, kam es auch manchmal dazu, dass ich nur für drei oder zwei Stunden im Krankenhaus war, wenn wenig los war. Meistens habe ich mich mit den Pflegern unterhalten oder mit den Kardiologen Mate getrunken und auf der Intensiv-Station Visite gemacht, was mir besonders gefallen hat. Des Weiteren wurde ich ab und zu gebraucht, um Patienten umzulegen, sie zu füttern oder auszuziehen. Doch den größten Teil der Zeit habe ich im OP-Saal verbracht, da ich mich mit den meisten Chirurgen und Traumatologen sehr gut verstanden habe und immer eigeladen wurde zuzuschauen. Dies hat mir am meisten gefallen. Gerne habe ich mich auch mit den Patienten unterhalten und sogar einige Bekanntschaften gemacht. Da sich die Ärzte alle untereinander kennen, wurde ich auch in andere größere Unfallkrankenhäuser eingeladen und habe dort spannende Fälle gesehen.

Im medizinischen Sinne kann ich gar nicht sagen, ob ich so viel neues Praktisches dazu gelernt habe, da ich fast nie gebraucht wurde und nur selten selber Hand anlegen durfte. Meistens habe ich zugeschaut, aber mich dadurch auf jeden Fall wissenschaftlich weitergebildet. Blutdruck-Messen und der Umgang mit Patienten, der nicht zu einfühlsam sein darf, sind z.B. neue Sachen die ich gelernt habe. Außerdem würde ich mich nach den viele Operationen nun mehr imstande fühlen, selbst einmal Hand ans Skalpell zu legen. Vom Menschlichen her kann ich nur große kulturelle Unterschiede feststellen, da die Argentinier schlichtweg offener und freundlicher sind, wobei es auch da wieder von männlich und weiblich abhängt. Als Praktikant wird dir alles angeboten, du wirst gerne überall hin mitgenommen WENN du fragst. Es gibt so gut wie nie neidische Blicke wenn du mal eine tolle OP mit anschauen darfst. Ich denke diese Erfahrungen werden mich auf viele Weisen weiterbringen!

Ich habe Argentinien ausgiebig bereist, Freundschaften und fast Liebschaften geschlossen, viel über dieses Land gelesen, ich hatte also eigentlich das Gefühl, das Land gut zu kennen. Doch gleichzeitig hat mich Argentinien immer wieder aufs Neue verwirrt und ich denke, ich werde das Land der Superlative nie wirklich ganz verstehen. Zuerst kam mir Argentinien wie ein ruhiges, chaotisches, dreckiges Land vor. Die Witzigkeit und Ironie der Bewohner versteht man selbst nach einem halben Jahr noch nicht und auch andere kulturelle Besonderheiten werden einem ein Rätsel bleiben. Warum soll eine tote Kuh hier besser schmecken als ein Steak, mit etlichen Beilagen bei uns in Deutschland? Wie kann ein Land, dass den größten Staatsbankrott in der Geschichte erlebt hat, sich immer wieder aufrappeln und aus einer Bevölkerung bestehen, die zwar im materiellen Elend, aber im psychischen Luxus lebt, nicht untergehen? Hier noch ein paar Kuriositäten: Ich hatte vier Jahre lang Spanisch gelernt und brauche jetzt einen Übersetzer um mir ein Busticket zu kaufen, da die Argentinier für jedes Wort zehn verschiedene Ausdrucksformen haben und generell gerne ihre eigenen ausgedachten Wörter benutzen. Zudem scheinen die Menschen hier mit einem Mate-Becher in der Hand und einer Thermoskanne unter dem Arm auf die Welt gekommen zu sein. Man wird nach drei Sekunden Bekanntschaft schon mit "meine Liebe" oder "Bruder" angesprochen oder gerne auch als "Dicke", "Dünne", "Neger", "Glatzkopf" o.Ä. In jedem Satz kommt mindestens dreimal "Boludo" (Schwachkopf), "Che" (Ey) und "Dale" (Ok) vor und der Straßenverkehr kommt eínem vor wie Bürgerkrieg auf vier Rädern. Weiterhin sind Verspätungen von mindestens einer Stunde hier die Regel und wenn man zum Abendessen eingeladen ist, sollte man sich nicht wundern, wenn um Mitternacht die Vorspeise abgeräumt wird. Morgens, mittags, nachts wird im Joghurt, auf dem Brot, im Kuchen eine Karamell-Creme die "dulce de leche" heißt, serviert. Nicht zuletzt hat der Staatspräsident hier jede Woche einen neuen Namen und trägt ein anderes Gesicht und jeder Taxi-Fahrer dem man Gesellschaft leistet wird einem versuchen die ganze Welt zu erklären.

So viel Freizeit wie ich in Argentinien hatte, hatte ich bislang noch nie. Ich kam täglich um ca. 14 Uhr aus dem Krankenhaus und habe mich in unserem Haus auf die Dachterasse gelegt und mich mit meinen Mitbewohnern gesonnt, Musik gehört, im Pool gebadet und wir haben zusammen gekocht. Oft wurde ich zum Asado (=Grillen) eingeladen und zum "Campo", wo viele argentinische Freunde Landhäuser hatten. Ich war auch einigen Elektro- und Folklore-Festivals, war viel in cordobesischen Clubs unterwegs und habe dort die meisten Argentinier kennen gelernt. Das Nachtleben in Cordoba ist meiner Meinung nach sehr lebendig und amüsant! Wir waren viel auf Haus-Partys unterwegs und auch in anderen Hostels, um dort gemeinsam ein Bier zu trinken und Sprachen auszutauschen. Die Sprachschule hat ein paar Veranstaltungen angeboten, wie z.B. Salsa tanzen oder Weinprobe, was viele auch mitgemacht haben. Ich war außerdem noch im Hockey-Club und habe mir das Training angeguckt, da ich einen Hockey-Spieler auf einer Party kennen gelernt hatte. Viel war ich mit meiner Mitbewohnern am Fluss in den Bergen ("Sierras"), wo wir gebadet haben und geritten sind. Einige meiner Freunde haben sogar Fallschirm-Springen gemacht und andere spannende Sachen. Zu guter Letzt waren wir viel in anderen Orten wie z.B. im Norden also in Salta, in Brasilien bei den Wasserfällen, in Paraguay und in Buenos Aires unterwegs.

Mein schönster Moment war als wir die Reit-Tour durch die Berge gemacht haben und wir zwischen den Wäldern am Wasserfall vorbei galoppieren durften. Da habe ich mich unglaublich frei und glücklich gefühlt.

Die Mitarbeit der deutschen Praktikawelten-Angestellten hat mir ohne Frage super gefallen. Ich habe noch bevor ich losgeflogen bin mein Projekt wechseln wollen und ich habe sofort per Mail ein neues Krankenhaus angeboten bekommen. Der E-Mail- und Telefon-Kontakt ging immer flüssig und schnell! Auch als ich ankam war sofort jemand unter der Notfall-Nummer zu erreichen.

Mein Fazit:
Ja es war eine sehr gute Entscheidung ein halbes Jahr nach Argentinien zu fahren, da es mich sowohl in meinem Sozialverhalten als auch in meiner Reife und meiner Menschenkenntnis weitergebracht hat. Ich hatte eine erholsame, unglaublich tolle Zeit und habe die besten Menschen kennengelernt, die ich am allermeisten vermissen werde.

Erfahre mehr über das Projekt, das Sophie B. so begeistert hat: Humanmedizin in Argentinien