Journalismus Praktikum in Ghana

"Die Kulturerfahrung ist unbezahlbar."

  • Auslandspraktikum
  • Ghana
  • 12 Wochen

Erfahrungsbericht von

20.02.2012

Moritz schrieb:

"Zu Gast bei Freunden! Nun war es also so weit. Schon lange zuvor hatte ich die Reise gebucht, drei Monate an der Goldküste Afrikas. Mitten in der dritten Welt, mitten in Armut, Dreck und Unbequemlichkeit. Und nun stand ich hier, auf dem Flughafen der ghanaischen Hauptstadt Accra und realisierte, dass die nächsten drei Monate etwas anders werden würden, als ich mir das vorgestellt hatte.

Während der ersten Tage auf dem afrikanischen Kontinent schwankten meine Gefühle zwischen Begeisterung und Heimweh. Ich hatte viel über das Land gelesen, und doch hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie es tatsächlich werden würde. Eins jedenfalls steht fest: Eine gewisse Eingewöhnungszeit ist nötig. Gewöhnung an die Hitze, Gewöhnung an das Essen, Gewöhnung an die Lebensweise. Gewöhnung an kleine Kinder, die einem zuwinken und "Obruni, Obruni!" ("Weißer, Weißer!") rufen. Gewöhnung daran, dass auch das Zeitungspraktikum, das ich während der drei Monate absolvieren sollte, etwas anders aussehen würde als ein Zeitungspraktikum in Deutschland.

In Ghana herrscht eine andere Form des Journalismus als in Europa. Natürlich ist alles etwas einfacher, um nicht zu sagen, primitiver. Ein eigener Internetzugang ist schon Luxus, Digitalkameras nicht immer selbstverständlich, von einheitlichem Layout ganz zu schweigen. Es wird nicht allzu sehr auf Formulierungen oder Sprachstil geachtet, es kommt nur auf eines an: Die Nachricht. Und genau das macht die Zeitungslandschaft in Ghana so interessant. Es gibt kaum eine nachrichtliche Infrastruktur, man kann nie sagen, was am nächsten Tag in der Zeitung stehen wird, jede Zeitung hat ihre eigene Top-Geschichte. Der Journalismus ist viel investigativer, und das muss er auch sein - Pressemitteilungen und Nachrichtendienste sind Mangelware.

Was mir während meiner Praktikumszeit bei einer ghanaischen Zeitung und auch im alltäglichen Leben unheimlich auffiel, war die unheimliche Freundlichkeit der Ghanaer. Das weit verbreitete Klischee vom armen, aber freundlichen Afrikaner kann ich nur bestätigen. Egal, wo man hinkommt, man wird willkommen geheißen, zum Essen eingeladen, belächelt, bestaunt. In den ersten Tagen ist es sicherlich etwas unangenehm, überall aufzufallen und angesehen zu werden. Aber ein Weißer ist in Ghana eben etwas besonderes, und spätestens nach der ersten Woche gehört es einfach dazu, von Kindern freudig empfangen und hin und wieder einfach von Fremden auf der Straße begrüßt zu werden.

Von dem fehlenden europäischen Luxus und der Verschmutzung in der Hauptstadt Accra abgesehen, ist Ghana ein wunderschönes Land. Kilometerlange Sandstrände, Wasserfälle, Naturparks, unberührte Wälder. Abseits der Regenzeit herrscht jeden Tag strahlender Sonnenschein, was wohl nicht zuletzt ein Grund für das sonnige Gemüt der Ghanaer ist. Im Norden Ghanas kann man Afrika erleben, wie man es sonst nur aus den Dokumentarfilmen kennt: Kleine Dörfer, aus Lehmhütten bestehend; Kinder, die Frösche fangen und anschließend grillen, kleine Feuerstellen, verbeulte Töpfe, ansonsten Einöde.

Auch ghanaische Kultur und Lebensart haben so einiges zu bieten. Die Trommel ist des Ghanaers liebstes Instrument, auf beinahe jedem Markt findet man mindestens einen Händler, der handgefertigte Trommeln in allen Größen und Ausführungen anbietet. Was Sport angeht, gibt es für Ghanaer nichts Größeres als den Fußball: An jeder Ecke wird gekickt, jedes noch so kleine Dorf hat seinen eigenen Fußballplatz. Und sogar die Länder- und Champions-League-Spiele werden mit Interesse zu Dutzenden auf der Straße vorm Fernseher verfolgt - ein Bild, das man so schnell nicht vergisst.
Selbst die Probleme und Bedenken, Malaria, Aids, Infektionen, all das sollte kein Hindernis darstellen, wenn die Reisevorbereitung stimmt. Hat man sich vorher über alle nötigen Impfungen und die Malariaprofilaxe informiert, steht einem interessanten und aufregenden Afrika-Aufenthalt nichts mehr im Wege.

Natürlich kann es schwierig sein, das Leben in Ghana. Es kann schwierig sein, jeden Tag aufs Neue etwas zu essen zu finden, das einerseits genießbar und andererseits gut verträglich ist, wobei auch das nur eine Frage der Gewöhnung ist und nach einigen Wochen sogar so etwas wie ein "Lieblingsessen" entstehen kann. Die Ghanaer ernähren sich hauptsächlich von Reis, Bohnen, Nudeln und Fleisch, das Ganze mit einer (meist ziemlich scharfen) Sauce. Schon für umgerechnet 50 Cent kann eine Hauptmahlzeit erstanden werden.
Es kann schwierig sein, sich jeden Tag im "Tro-Tro" (ein mehr oder weniger fahrtüchtiger Kleinbus) anderthalb Stunden bei sengender Hitze und kaum vorhandener Beinfreiheit durch die überfüllten Straßen Accras zu quälen. Manchmal kann sogar die Gemütlichkeit der Ghanaer anstrengend sein.

"There is no hurry in life" besagt eine ghanaische Weisheit - es gibt keine Eile im Leben. Und getreu dieser Einstellung lebt das ganze Land. Es ist eine faszinierende Lebenseinstellung, unmöglich mit der europäischen zu vergleichen. Auch wenn einige nicht verstehen, warum man in ein solches Land wie Ghana reist, warum man all die Schwierigkeiten auf sich nimmt - es lohnt sich. Die Kulturerfahrung ist unbezahlbar. Man lernt so viel neues, lernt altes zu schätzen, bekommt einen Blick auf das Leben, der nicht so engstirnig und eingeschränkt ist, wie ihn einige Europäer haben. Wenn es auch nicht immer leicht war - von den 90 Tagen, die ich in Ghana verbracht habe, bereue ich keinen einzigen."

Erfahre mehr über das Projekt, das Moritz H. so begeistert hat: Journalismus Praktikum in Ghana